“Neben der Kapp” ist ein hessischer Ausdruck, der wohl leider gerade auf mich zutrifft. Einzelheiten werden Blogger und Lesern erspart. Es gibt aber schlechte “gute” Gründe dafür. Weiterkämpfen und so gut wie möglich Aufrappeln ist also das Motto.
Schachlich ist das Symptom eine Reihe feister Fehler in Fernpartien ohne Engine in den letzten Wochen. Das sei hier kurz zur Verdeutlichung vorgeführt:
[Site "Chess.com"]
[Date "2011.10.01"]
[White "Schachfreund"]
[Black "Patzer53"]
[Result "1-0"]
[TimeControl "1 in 3 days"]
[Termination "Schachfreund won by resignation"]
1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.d4 Sxe4 4.Ld3 Sc6 5.Sxe5
Fernpartien ohne Engine sind mein neuer Versuch für Brettpartien zu trainieren. Die Steinitz-Variante des russischen Springerspiels habe ich mir nie richtig angeguckt. Das hätte ich hier mal gefälligst tun sollen. Unbelehrbar probiere ich die nicht völlig koschere Murey-Variante und weil mir das Hauptabspiel nicht zusagt, verfalle ich auf eine Neuerung.

Neuerung im 5.Zug
5. .. Sc5
Leider spielt der Gegner ganz einfache in meinen “umfangreichen” Analysen übersehene Züge, die jeweils mit (ü) gekennzeichnet werden.
6.Lc4 Se6 7.O-O (ü) d5 8.Lb5 Ld7 9.Sxd7 Dxd7 10.Le3 Le7 11.c4 (ü) 1-0

Nach 11 Zügen in einer Fernpartie!!!
Fortsetzungen wie 11. .. a6 12. La4 0-0 13. Sc3 b5 14. cxd5 bxa4 15.dxc6 Dd6 16. Dxa4 mit zwei Bauern weniger ohne Kompensation gefielen mir nicht. Das Übersehen zweier Normalzüge hatte mir zusätzlich den Nerv geraubt. Nach 11 Zügen in einer Fernpartie platt! Ein dreifach Hoch!
Weiter ging es auf dem Lechenicher Schachserver im No-Enigne-Cup:
In einer Partie spiele ich den zweiten Zug der Hauptvariante vor dem ersten und stehe damit nach 15 Zügen als Weißer im offenen Spanier völlig breit. Aufgabe. Ein Diagramm ist überflüssig.
In der nächsten Partie gelingt mir dann das hier:

Patzer53 fasst einen Plan
Schwarz zieht und Opfer auf g3 führen zu weißem Vorteil. Also sollte man anerkennen, dass Weiß die Eröffnung gewonnen hat und mit e5 erst einmal die Defensive stärken. Doch da kommt eine Idee: Das Zentrum mit Figuren angreifen! Dazu muss der Sh5 nach f6 und wegen e4-e5 der Ld6 nach e7. Es geht also weiter:
15. – Le7 16. Sf3 und nach 30-minütiger Analyse folgt Shf6?, den Weißen zu 17. Lf4 mit Gewinnstellung einladend. Weiß spielte nett weiter (17. Lf4 Dc8 18. Tac1 b6 19. Sd5 Dd8 20. Sc7 Tc8 21. Sxe6) und ich ließ mich dann Matt setzen.
Damit war es aber noch nicht vorbei. Auf chessmail.de gelang in dieser Partie
Orang_Utan – Patzer53
mit (3. – Le6 ?! und 22. – Sfg4?) ein positioneller und ein taktischer Schnitzer besonderer Güte
und in dieser Partie
Lestat – Patzer53
mit 21. – Kg8? ein Dickerchen, dass nach 22. b3 und 23. T1c7 in den Orkus geführt hätte. Zerberus hätte nicht gebellt, nur gelacht.
“Was tun?” und “Womit beginnen?”
Diagnose: Fehler dieses Ausmaßes sind auf Konzentrationsmängel zurückzuführen. Die Ursachen dieser Mängel sind bekannt:
- nachvollziehbarer Stress jenseits der 64 Felder
- eine Tendenz zum Optimismus (Angriffsideen ohne zureichende Vorbereitung)
- oberflächliche Analyse
- fehlende Kontrolle vor Absenden der Züge (Ich will noch fertig werden mit den Partien heute abend.)
Gesundheit und Stressresistenz werden jetzt gestärkt mit
- dreimal 30 Minuten Bewegung in der Woche
- kognitiver Restrukturierung (googeln) am Arbeitsplatz
- Mentalem Training
Mentales Training ist der interessante Punkt hier für Schachspieler. Das wurde vor knapp 30 Jahren schon einmal mit gutem Erfolg von mir angewandt und sei hier kurz erklärt. Entspannungsübungen werden mit Selbstinstruktionen verbunden. Selbstinstruktionen (nach Meichenbaum – googeln) sind kurze positive Sätze, die Vorhaben und Kompetenzen stützen. Ein Satz wie “Ich mache keine Züge ohne Kontrolle.” ist ein (doppelt) negativer Satz und (empirisch gut gestützt!) unwirksam und damit schädlich, weil Zeitverschwendung und zu Misserfolgen führend. “Vor jedem Zug in einer Fernpartie kontrolliere ich noch einmal die gegnerischen Drohungen.” ist dagegen ein positiver Satz. Er ist überprüfbar und handlungsleitend.
Damals stärkte ich mein Trainingsvorhaben mit dem Satz: “Du löst jede Woche fünf mal 15 Minuten lang Taktikaufgaben.” Zwei Entspannungseinheiten mit Selbstinstruktion genügten pro Woche. Mit etwas Training lässt sich das im Zug, Bus, bei Wartezeiten, etc. durchführen.
Jetzt ist die erste Aufgabe, auf bestimmte Belastungen anders zu reagieren. Das Entspannungstraining wird in der ersten Sequenz mit eingesetzt, um die regelmäßige Bewegung zu unterstützen. Bewegung ist ein sehr wirksamer Faktor für die seelische und körperliche Gesundheit.
Zum spezifischen mentalen Training in Sachen Schach wird wahrscheinlich später unter Psychologie und Schach berichtet.